Presseberichte
 

Mädchenpower im Jugendtreff
Kurse zur Selbstverteidigung — Graffiti und Skifreizeit

Mit der Rechten schlägt Hatice zu und tritt mit dem linken Fuß nach. Ihr Kampfruf "iit!" und "aiit!" gellt durch die Halle. Der Angegriffene schlägt zurück. Im wirklichen Leben hätte Hatice jetzt wohl ganz schön Prügel bezogen. Doch sie lacht. Ihr "Gegner" ist Kampfsportlehrer Jürgen Berg und hält dicke Schaumstoffstücke zur Abwehr m der Hand. "Auf die Deckung achten", ruft er ihr zu.

Zusammen mit Neslihan, Cayla, Menekse, Lisa und den anderen Mädchen im Alter von zehn und 15 Jahren absolviert Hatice einen Selbstverteidigungskurs im Jugendtreff "U 43" in der Uhlandstraße. Die Kampfsporttrainer Jürgen Berg und Anke Werpel sind Sozialpädagogen und haben für Kinder ein spezielles Kampf Sportprogramm namens "Kido" entwickelt. Hier geht es nicht allein um Technik. Die Jugendlichen lernen, Gefahrensituationen aus dem Weg zu gehen und durch geeignetes Auftreten und Körpersprache im Vorfeld zu verhindern, Opferzuwerden.

"Angreifen macht Spaß"

Die Mädchen haben beim kostenlosen Training über drei Nachmittage hinweg sichtbar Spaß. Nach einer Partnerübung, bei der jeder einmal in die Rolle der Angreiferin und Verteidigerin schlüpft, sind sie sich schnell einig: "Angreifen macht am meisten Spaß." Doch nicht nur der Spaß an der Freude zählt: Auf Nachfrage gestehen sie ein, dass es durchaus schon Situationen in der Vergangenheit gegeben hat, in der sie sich bedroht gefühlt haben.

Rollen verfehlt

Jugendtreffleiterin Renate Horn hat den Kurs für die Mädchen im "U 43" angeboten, weil sie ihnen ein Instrument mitgeben wollte, das sie stärkt. Denn auch im Jugendtreff sind die Rollen zwischen den Jungs, die viel Raum einnehmen, und den Mädchen, die sich eher zurückhalten, klar verteilt. "Die Mädels sollen wissen, dass sie ihre Meinung frei äußern und sich selbst behaupten können", sagt die Sozialpädagogin, die seit zwei Jahren im "U 43" arbeitet.

Jugendliche zwischen elf und 21 Jahren kommen hierher, um Hausaufgaben zu machen, Karten, Billard oder am PC zu spielen. Beim gemeinsamen Kochen lernen Türken und Deutsche ganz selbstverständlich die Küche der anderen Kultur kennen. So entsteht ein Klima des Vertrauens, das es den Kids ermöglicht, sich auch bei Schwierigkeiten und Problemen an die Sozialpädagogen zu wenden. Sie reden mit Regina Horn und ihrem Kollegen Timo Rabe, wenn es Schwierigkeiten in der Schule gibt oder Streit mit den Eltern. Häufig helfen die Sozialpädagogen auch bei Bewerbungsschreiben oder üben Bewerbungsgespräche. "Ich bin schon eine halbe Deutschlehrerin", sagt Hom lachend. Aber sie stelle sich gern allen Aufgaben, die sich im Alltag ergeben, weil sie sich als "Anwältin" der Jugendlichen sehe.

So bieten Regina Horn und Timo Rabe zum offenen Angebot auch immer wieder spezielle Workshops und Kurse, wie den Selbstverteidigungskurs für Mädchen, an. Außerdem gibt es Trommelworkshops, Graffitimalerei oder dreitägige Skifreizeiten im Bayerischen Wald.

Workshop für Jungs

Als nächstes Projekt ist im Februar ein Kampfsport-Workshop für Jungs geplant. Wobei es weniger um Verteidigung geht, sondern um den Umgang mit den eigenen Aggressionen.

Kein Wunder, dass sich die Jugendlichen stark mit ihrem "U 43" identifizieren und sie gern und oft kommen. Die Betreuer Horn und Rabe sind vollends zufrieden, nur einen Wunsch hätten sie noch: Vielleicht spreche sich bald noch mehr herum, dass jetzt auch eine Frau als Ansprechpartnerin da ist - und nicht wie ehemals - zwei Männer. Mädchen sind willkommen. Für sie gibt es einen eigenen Nachmittag, jeweils montags von 17 bis 20 Uhr.

Der Jugendtreff "U 43" in der Uhlandstraße 43 ist montags bis freitags ab 14 Uhr geöffnet, Telefon: (0911) 363861. Internet: www.u43.nuernberg.de

aus: NORD-REVUE v. 24. Januar 2006
Von Marie Inoue-Krätzler

 
 
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