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Die Gefahr erkennen
Mobbing, Gewalt auf dem Schulhof und sexueller Missbrauch machen immer häufiger Schlagzeilen. Ganz wichtig deshalb: Lernen, mit Angst und Gewalt umzugehen, um sich im Notfall behaupten und verteidigen zu können.

Zum Beispiel so: "Hau ab!", ruft Melanie laut. "Mit mir nicht!" Das bringt den Angreifer vorübergehend aus der Fassung. Er hatte fest damit gerechnet, dass ein drohender Blick genügt, um der Kleinen fünf Mark abzuknöpfen. Doch er gibt noch nicht auf. Ein kräftiger Schubs, und Melanie fällt zu Boden. Jetzt ist alles zu spät... Aber denkste: Geschickt duckt sie sich unter den Schlägen weg, birgt den Kopf schützend zwischen den Ellbogen, bis sie den Gegner an den Ohren packen kann, sich befreit und davonrennt.

"Prima!", loben die Kursleiter. "Und jetzt partnerweise zusammen und üben!" Ein Rollenspiel im KIDO-Kurs, die Probe für den Ernstfall. Anke Werpel und Jürgen Berg sind, davon überzeugt, dass es weder Waffen noch jahrelanges Kampfsporttraining braucht, um sich erfolgreich zu wehren: "Selbstverteidigung beginnt im Kopf!"

Deshalb haben die beiden erfahrenen Sozialpädagogen und Karate-Trainer mit KlDO einen "Weg für Kids" ab 8 Jahren ausgetüftelt, der Kampftechniken und Selbstbehauptungstraining, Themen wie Angst, Gewalt und Missbrauch mit Übungen und Rollenspielen verbindet. Für Melanie und ihre Freunde im Hort Nürnberg-Langwasser ist heute die vorletzte Stunde, deshalb wird wiederholt, was bisher auf dem Programm stand. Etwa, wie man am besten steht, wenn man bedroht wird. "Wichtig ist, dass man einen festen Stand hat", sagt Dila. "Aufrecht und gerade, nicht zusammengesunken", ergänzt Esther. Und Mario erinnert sich: "Man blickt dem anderen in die Augen, und wenn man das nicht kann, auf die Nase."

Laut schreien!

"Und was macht ihr, wenn euch jemand am Arm packt?", fragt Anke Werpel. "Erst mit Worten wehren: hau ab, lass los!", sagt Inga. "So laut schreien, dass der erschrickt, dann lässt er lockerer." Das wird gleich noch mal geübt, zusammen mit der Handbefreiung, den Faust- und Fußtechniken und dem Fingerhebel, den die KIDO-Kids trainiert haben. "Wir schocken den Angreifer erst mal", fasst die Trainerin zusammen. „Steigt ihm fest auf die Zehen, haut auf die Hände, die euch umklammern, versucht, ein, zwei Finger zu erwischen und auseinanderzuziehen, am besten den kleinen, das tut sehr weh. Wenn euch jemand ins Gebüsch schleppen will, dann dürft ihr dem wehtun!" "Aber ein echter Angreifer greift ja richtig fest zu, vielleicht lässt der gar nicht los!", meint Laura skeptisch. "Klar, gegen Erwachsene seid ihr immer im Nachteil", sagt Jürgen Berg. "Wenn ihr da eine Chance haben wollt, müsst ihr das Überraschungsmoment nutzen - es rechnet ja keiner damit, dass ihr sowas könnt. Und sobald ihr die Möglichkeit habt - befreien, flüchten und Hilfe holen. Aber das muss man alles üben!" Weiter geht's im Programm. "Was ist wenn jemand ganz arg schubst, so dass man hinfällt?", fragt Trainerin Anke. "Fallschule!", ruft Michelle. "Kopf zur Brust nehmen." Die Trainerin nickt. "Richtig. Immer seitlich fallen, nicht aufs Handgelenk oder auf den Ellbogen. Und wo ist das Bein?"

"Das Knie zum Bauch, der Fuß immer zum Gegner", sagt Paul. "Und ein Bein bleibt auf dem Boden, damit man sich wegdrehen kann."

"Rettungsinseln"

Auch das üben die Mädchen und Jungen, ehe sie von den Gefahrenregeln erzählen, die sie sich eingeprägt haben. "Langsam und tief atmen, wenn man in Panik gerät", sagt Mario, "sonst kann man nicht richtig denken." Laura hat sich gemerkt, "nicht Hilfe, sondern Feuer zu schreien, da reagieren die Leute schneller." Es ist besser, wenn man jemanden direkt anspricht, als einfach um Hilfe zu rufen. Und auf dem Schulweg gibt es "Rettungsinseln", Geschäfte zum Beispiel, in die man sich flüchten kann.

Jürgen Berg ist zufrieden. "Uns ist es wichtig, dass die Wahrnehmung geschult wird, dass die Kinder lernen, Gefahren zu erkennen und Vorsichtsmaßnahmen zu treffen", erklärt er. "Die Techniken - Abwehrhaltungen, Faust- und Fußtechniken, ein bisschen Fallschule, Befreiungstechniken - kommen erst an zweiter Stelle. In erster Linie kommt es darauf an, dass die Kinder selbstsicherer und aufrechter aus dem Kurs kommen. Untersuchungen belegen ja, dass Opfer nach der Körpersprache ausgesucht werden. Wer schwach und hilflos wirkt, wird eher zum Opfer als selbstbewusste Kinder und Erwachsene."

Die ersten Erfolge der KIDO-Kids geben ihm Recht. "Dominik hat mich in der Schule festgehalten, David mit der Mütze gehauen", berichtet Melanie. "Da bin ich in die Schutzhaltung, hab getreten und bin weggelaufen!" Auch Paul konnte schon anwenden, was er gelernt hat: "Der René hat mich so umpackt, da hab ich ihm einen Ellbogenstoß und Fersentritt versetzt, und er ist gleich weggerumpelt!"

Das bestätigt, was die Mädchen und Jungen im Kurs gelernt haben: Angreifer rechnen meist gar nicht mit Gegenwehr. In der Regel wollen sie keinen Kampf, sondern nur, dass das Opfer klein beigibt. Wenn man sich wehrt, hat man die besten Chancen, unbeschadet davonzukommen.

aus: Stafette, das starke Jugendmagazin, 3/2000, S. 14-16
Interview: Gisela Lipsky

 
 
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