Presseberichte
 

Neues Training zeigt Kindern, wie sie sich selbst gehaupten

Kniffe gegen Gewalt
"KIDO" setzt auf die psychologische Schulung – Kein Karate-Kurs

Lehren Selbstverteidigung mit Köpfchen:
Die Sozialpädagogen Jürgen Berg und Anke Werpel

 

FÜRTH – Das Thema ist brandaktuell: Angesichts zunehmender Gewalt im Alltag suchen immer mehr besorgte Eltern ebenso wie Kinder und Jugendliche nach wirksamen Mittel, sich zu wehren. Die beiden Sozialpädagogen Anke Werpel (35) und Jürgen Berg (34) haben aus diesem Anlaß ein Selbstverteidigungstraining unter dem Namen „KIDO“ entwickelt, das sie ab November im Auftrag der Volkshochschule erstmals in Fürth für Acht- bis Zwölfjährige anbieten. die Fürther Nachrichten haben mit Jürgen Berg über das Konzept gesprochen.

KIDO, das klingt nach asiatischer Kampfkunst für Kinder. Bringen Sie den Jugendlichen bei, wie man sich prügelt?

Berg: Nein, wir vermitteln zwar auch Grundtechniken der Selbstverteidigung, im Vordergrund steht aber die psychologische Schulung. KIDO kommt aus dem Japanischen und bedeutet zu deutsch "Energie-Weg". Wir haben das aber auch "verenglischt" zu "Kids doing": Die Kinder sollen bei uns lernen, sich in Konfliktsituationen mit Selbstvertrauen zu behaupten.

Was wollen Sie konkret erreichen?

Berg: Wir setzen viele Selbsterfahrungs- und Selbstvertrauensübungen ein, versuchen mit Filmbeispielen, Musik und in Rollenspielen die eigenen Gefühle erlebbar zu machen. Bei Kindern ist das besonders wichtig, Es ist entscheidend für ihre Selbstbehauptung, daß sie sich erst einmal selbst kennenlernen und ihre Empfindungen einschätzen können. In Konfliktsituationen sollen sie ihre Gefühle kontrollieren und mit ihrer Angst und Aggression umgehen können.

Will heißen: den Kontrahenten mit Selbstbewußtsein ins Bockshorn jagen ...

Berg: Ja, Körperhaltung, Augenkontakt und der Einsatz der Stimme sollen signalisieren, daß man sich zur Wehr setzt. Auf diese Weise kann man die körperliche Auseinandersetzung vermeiden. Was sicher nicht immer machbar ist. Deshalb lehren Sie in Ihren Kursen auch Kampftechniken.

Wie sieht das aus?

Berg: Wir zeigen den Kindern Grundtechniken des Wado-Ryu-Karate, einer japanischen Kampfkunstart. Einfache Sachen, wie Befreiungsgriffe, Schlag- und Fußtechniken oder wie man fällt, ohne sich dabei weh zu tun.

Kritiker halten Ihnen entgegen, da werde schon Kindern Gewalt eingetrichtert ...

Berg: Das hören wir immer wieder. Aber wir ermahnen unsere Kursteilnehmer vor jedem Treffen, daß sie die Techniken nicht zum Spaß anwenden dürfen, sondern nur im Notfall zur Selbstverteidigung. Wer sich nicht daran hält, wird aus dem Kurs ausgeschlossen. Aber die Kinder, die zu uns kommen, sind sowieso eher die schüchternen und wehrlosen Opfertypen und nicht die Aggressiven. Wir vermitteln auch nur das Notwendigste und keine Technik wie ein Karate-Studio. Das ist nicht unsere Aufgabe.

Ein Teil Ihres Kurses befaßt sich mit dem Thema sexueller Mißbrauch. Was bringen Sie den Kindern bei?

Berg: Sie sollen lernen, zu erkennen, wann die Grenze des Normalen überschritten ist und sich mitzuteilen, wenn sie von Erwachsenen belästigt werden. Da kommt uns unsere sozialpädagogische Ausbildung sehr zugute.

In Ihrem Training trennen Sie die Gruppen nach Geschlechtern. Warum?

Berg: Bisher gab es diese Art von Selbstbehauptungstraining ausschließlich für Mädchen. Wir bieten es auch für Jungs an, weil die genauso ein Bedürfnis haben, sich zur Wehr zu setzten und sexuell mißbraucht werden. Die Erfahrung zeigt aber, daß der Lernerfolg in getrennten Gruppen besser ist.

Welche Kinder wollen Sie mit Ihrem Angebot ansprechen?

Berg: Wir haben den Kurs in Fürth gerade für Kinder von Otto Normalverbraucher konzipiert, nehmen aber auch schwierige Kandidaten auf. Ganz Problematische müßten allerdings einen unserer speziellen sozialen Trainingskurse besuchen.

Interview: Wolfgang Händel

28. Oktober 1998

 
 
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