Presseberichte
 

Beim Selbstbehauptungskurs KIDO der Volkshochschule lernen Kinder eigene Wahrnehmungen, Gefühle und Kräfte kennen

Den Angreifer ruhig an den Ohrläppchen packen
Im Vordergrund steht psychologische Schulung – Perfekte Beherrschung der Abwehrtechnik ist zweitrangig – Sich endlich wehren

Fürth (hei) – Der 12jährige Dominik liegt auf dem Rücken und windet sich gekonnt aus dem Würgegriff von Richard. Das ist nicht weiter schwierig, denn der ebenfalls 12jährige Angreifer, der auf dem Bauch seines Opfers sitzt, drückt nur ganz vorsichtig zu. Auch als Dominik die Ohrläppchen seines Kontrahenten packt und ihn daran zu Boden zwingt, geschieht das ganz behutsam. Denn im Selbstbehauptungskurs KIDO, den die Volkshochschule im Sommersemester zum zweiten Mal anbietet, wird natürlich nur für den Ernstfall geprobt.

KIDO, was ist das eigentlich? Die japanischen Wörter "Ki" und "Do" bedeuten übersetzt "Energie-Weg". Aber auch Kids´s doing“ lassen die Erfinder dieses Selbstverteidigungs-Trainings Anke Werpel und Jürgen Berg, als Aussage gelten. Die jeweils zwölf Mädchen und Jungen im Alter von acht bis 12 Jahren, die getrennte Lehrgänge besuchen, sollen vor allem ihre eigenen Gefühle und Wahrnehmungen einschätzen und kennenlernen, um sich dann mit gezielten Abwehrtechniken gegenüber Angreifern zu behaupten.

Der 12jährige Richard erzählt von zwei Mädchen, die ihn bedrohten. Ein Klassenkamerad, so sagt er, sei außerdem schon mal wegen seines Taschengeldes erpreßt worden. Richard will nicht länger wehrlos sein, deshalb macht er den Kurs. Und auch der neunjährige Marcel hat keine Lust mehr, dauernd Prügel von älteren Schülern einzustecken. Seine Mutter hat ihn angemeldet. Und einige Tricks, so Marcel, haben sich durchaus bewährt, wie beispielsweise das "Fingerhebeln", mit dem er einen Angreifer erst neulich vergraulte. Sein Bruder Dominik hat ebenfalls gute Erfahrungen gemacht, wenn er einen wilden Blick aufsetzte, laut schrie und seinen Kontrahenten wegschubste.

Denn den beiden Sozialpädagogen und ausgebildeten Karate-Übungsleitern Anke Werpel und Jürgen Berg kommt es gar nicht so sehr auf die perfekte Beherrschung der Techniken, sondern viel mehr auf den abschreckenden Einsatz von Mimik, Gestik und Stimme an. In Rollenspielen lernen die Kinder zunächst, sich ihre eigenen Wahrnehmungen und Gefühle bewußt zu machen, ob sie beispielsweise Furcht empfinden, wenn sie mit verbundenen Augen durch den Raum laufen und von den anderen berührt werden. Über alle Empfindungen wird anschließend gesprochen.

Daß sich die Angst manchmal in Zähneklappern, Schweißausbrüchen und Brechreiz äußern kann, wissen die Jungen im Kurs schon längst. Das es aber auch manchmal notwendig sein kann, die oft lähmende Furcht in einer Gefahrensituation zu überwinden, sollen sie trainieren. "Zu 90 Prozent werden die Kinder bei uns psychologisch geschult, nur zehn Prozent macht die Vermittlung der Abwehrtechniken aus", erklärt Anke Werpel. Zwischendurch dürfen sich die Täter und Opfer, denn Kinder in diesem Alter können immer in beide Rollen schlüpfen, bei Spielen richtig austoben.

Dabei gibt es feste Regeln. Gleich zu Beginn jeder Stunde vollführen die Teilnehmer ein regelmäßiges Begrüßungsritual mit Musik und Verbeugungen, wobei sie sich ihre Fairneß und Höflichkeit versichern. Richtig schreien, schlagen und treten dürfen die Kinder dann, wenn ihre Kursleiter sich durch Polster geschützt als Prügelknaben zur Verfügung stellen.

Für einen Volkshochschul-Kurs ist KIDO mit 200 Mark pro Kind für insgesamt zehn Doppelstunden gar nicht billig. "Das liegt daran, daß der Kurs von zwei Dozenten betreut wird und außerdem als Kinder-Angebot keine Zuschüsse bekommt", erklärt Gabriele Hammer vom VHS-Team.

Richard und Dominik üben inzwischen das Anschreien und Wegschubsen für ihre Abschlußprüfung. Natürlich wird dabei niemand durchfallen. Auch einen Film dürfen sich die KIDO-Teilnehmer anschauen, in dem sexueller Mißbrauch kindgerecht gesprochen wird. Doch bei der anschließenden Diskussion ist Anke Werpel jedesmal erstaunt, über die einschlägigen Erlebnisse, von denen die Jungen und Mädchen immer wieder berichten.

aus: Fürther Nachrichten, 29.01.99

 
 
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