Fachartikel
 

Schlüsselkompetenz Selbstsicherheit
Aus: Bernd Kammerer (Hrsg.) Die Kampagne Erziehung - Ein Modellprojekt 2004

In Zusammenarbeit mit der Schule zur Sprachförderung-West und den Trainern von KIDO (KIDO ist ein innovatives Kurs- und Schulungskonzept für Kinder ab acht Jahren sowie für Jugendliche und Erwachsene beiderlei Geschlechts. KIDO ist ein eingetragenes Markenzeichen) entstand das Projekt zur Unterstützung des Erziehungszieles Selbstsicherheit.

Das Projekt wurde im Zeitraum von März bis Juli 2003 durchgeführt. Das wesentliche Qualitätsmerkmal dieses Projektes ist die aktive Einbeziehung aller am Schulprozess Beteiligten, d. h. Schüler/-innen, deren Eltern und deren Lehrkräfte. Im Folgenden wird durch den Schulleiter der Hauptschule zur SprachfördcrLing-West zunächst erläutert, warum dieses Projekt gerade für diese Schüler/-innen von hcrausragender Bedeutung ist. Im Anschluss werden die Trainer von KIDO das Projekt beschreiben.

Aussagen zum Förderbedarf Sprache

von Horst Hußnätter, Schulleiter Hauptschule zur Sprachforderung Nürnberg-West

In der Öffentlichkeit wird noch immer Sprachbehinderung mit Sprechbehinderung gleichgesetzt. Nur wenn man falsches Sprechen hört, glaubt man an eine Sprachbehinderung. So ist es äußerst schwer, jenen Kindern und Jugendlichen gerecht zu werden, die erhebliche kommunikative und schriftsprachliche Probleme haben. Diese Kinder und Jugendlichen

  • können sich meist nicht zeitgerecht in eine Kommunikation einbringen,
  • haben die passenden Worte und Begriffe nicht gleich parat,
  • sind in der Schule auffällig in der Schriftsprache: Rechtschreiben, Lesen, Textverarbeitung. Sprachgestaltung,
  • haben Schwierigkeiten im Umgang mitanderen Kindern und Jugendlichen,
  • verfügen über ein schwaches Selbstbewusstsein,
  • sind wenig durchsetzungsfähig ...

Die Folgen sind: Rückzug aus der Gruppen-/Klassengemeinschaft, Demotivierung für schulische Leistungen, Schulversagen. Es besteht zudem nach wie vor das Vorurteil:

sprachbehindert = lernbehindert. Sprachbehinderte Kinder werden vorschnell als lern behindert und/oder "dumm" definiert. Dieses Vorurteil trägt dazu bei, dass sprachbehinderte Kinder und Jugendliche nicht fachspezifisch diagnostiziert und therapiert werden und deshalb früher oder später tatsächlich lernbehindert werden.

Sicher sind die lautsprachlichen Auffälligkeiten im Kindergartenalter zunächst dominant. Die verbesserte Infrastruktur für die Erfassung und Betreuung von sprach auffälligen Kindern vor dem Schuleintritt minimiert zunächst die Problematik. Meist können im Vorschulalter die groben lautsprachlichen Auffälligkeiten beseitigt werden. Leider achtet man nicht darauf, ob die Therapieerfolge nachhaltig sind. So kommt es nicht selten vor, dass der Besuch der Grundschule für so genannte "erfolgreich therapierte sprachbehinderte Kinder" spätestens ab der dritten Regelklasse erheblich gefährdet ist.

Aufgrund eines fehlerhaften Schriftspracherwerbs sind zunehmend schulleistungsmindernde Störungen im Lesen, Schreiben, Sozial- und Arbeitsverhalten sichtbar. In Stresssituationen wird das Kind auch wieder lautsprachlich auffällig. Der Redefiuss wird z. B. durch Wortfindungsstörungen unterbrochen, syntaktische und morphologische Fehler häufen sich. Die Sprachverarbeitung ist stark verzögert. Ursachen des fehlerhaften Schriftspracherwerbs liegen in unzureichenden Automatisierungsvorgängen beim Spracherwerb im frühen Kindesalter. Die Sprachverarbeitung im Gehirn verläuft nicht optimal, sondern wird durch Ersatzstrategien bestimmt, die zeitliche oder stoffliche Überlastung nicht ausreichend bewältigen können. Ohne fachspezifische Förderung und individuelle Zuwendung ziehen sich die meist pflegeleichten Schüler in ihr "Schneckenhaus" zurück. Gelegentlich erfolgen heftige emotional-soziale Ausbrüche, die als Notlösungsverhalten interpretiert werden müssen und besonderer verhaltenstherapeutischer Maßnahmen bedürfen.

Vereinfacht lassen sieh heute die häufigsten Sprachbehinderungen an der Hauptschule zur Sprachförderung als Sprachver-
arbeitungsstörungen bezeichnen, aus denen sich sekundär Kommunikationsstörungen entwickeln. Redeflussstörungen wie Stottern und Poltern sind an der Schule zur Sprachförderung dagegen zahlenmäßig unbedeutend. Kommunikationsstörungen sind in unterschiedlichen Schweregraden nachweisbar: (Siehe Tabelle.)

Das KIDO Selbstsicherheits- und Selbstverteidigungsprojekt soll den sprachbehinderten Jugendlichen helfen neue Strategien zur Stärkung ihres Selbstbildes zu entwickeln.

"Bericht über das KIDO-Projekt an der Hauptschule zur Sprachförderung Nürnberg West
von Anke Werpel. Jürgen Berg (KIDO)
Internet: www.kido.de

An der Hauptschule zur Sprachförderung Nürnberg West wurde von März bis Juli 2003 ein Gewaltpräventionsprojekt in Zusammenarbeit mit der Schule, der Kampagne Erziehung des Jugendamtes Nürnberg und KIDO-der Weg für Kids durchgeführt.

Das Projekt zeichnete sich dadurch aus, dass es sich an alle wichtigen Interaktionspartner an der Schule richtete. Es hatte als Zielgruppen die Schüler/-innen, die Lehrer/-innen und die Eltern/ Erziehungsberechtigten. Dementsprechend untergliederte es sich in drei Aktionsfelder:

  1. Zwei KIDO Selbstsicherheits- und Selbstverteidigungsgrundkurse für Schüler/-innen der Klassen 6. bis 9.
  2. Ein Informationsabend für die Ehern der teilnehmenden Kinder zum Thema Gewalt/Aggression und entsprechende Fragen zur Erziehung.
  3. Zwei Halbtagesseminare für Lehrer/-innen zum Umgang mit Aggressionen/Gewalt und Konflikten.

1. Die KIDO Selbstsicherheits- und Selbstverteidigungskurse
Kinder mit Sprachproblemen haben eine Behinderung, welche von außen nicht gleich gesehen und dementsprechend von der Gesellschaft auch nicht (an-)erkannt wird, im Gegensatz zu offensichtlich, z. B. körperbehinderten Menschen. Diese spezielle Problematik, in Verbindung mit der mangelnden Sprachfertigkeit, welche oft mit "Dummheit" gleichgesetzt wird, fuhrt im Alltag vermehrt zu Konflikten. Sprachbehinderte Kinder werden oft zu Außenseitern und auch Opfer von Aggressionen anderer Kinder und Jugendlicher. Ebenso kann in späteren Jahren aus der Opfererfahrung und den mangelnden sprachlichen Problemlösefähigkeiten, vor allem in Stresssituationen, die eigene Bereitschaft, Konflikte mit Gewalt zu lösen, zunehmen.

Insgesamt leiden die Kinder aufgrund ihrer Behinderung an mangelnder Selbstsicherheit, d. h- wenig Selbstbewusstsein, schlechtes Selbstwertgefühl und geringes Selbstvertrauen. Ziel der Kurse war es also in erster Linie die Selbstsicherheit zu erhöhen und die Teilnehmer/-innen mit mögliehst unterschiedlichen Ansätzen und Methoden sowohl physisch, als auch psychisch und kognitiv zu fördern.

Es wurden zwei Kurse durchgeführt. Im ersten Kurs waren 10 Kinder der 6. und 7. Jahrgangsstufe, also jüngere Kinder und nur Jungs. Im zweiten Kurs waren 8 Kinder der 7. bis 9. Jahrgangsstufen gemischtgeschlechtlich zusammengefasst. Die Auswahl und Zusammensetzung wurde von der Schule getroffen und wir, die Kursleitung, welche immer im Team die Einheiten durchführten. hatten individuelle Vorabinformationen über die einzelnen Teilnehmer/-innen und ihre Problematik.

In beiden Kursen waren überwiegend schüchterne und gehemmte Kinder, welche vor allem im Bereich der Stimme und Körpersprache, aber auch koordinativ im motorischen Bereich gefördert werden konnten.

Zuerst sollten die Kinder sich selbst besser kennen und akzeptieren lernen (Identität), um so auch mehr Selbstbewusstsein aufzubauen. Dies ist die Grundvoraussetzung, um eine positive und stabile Persönlichkeitsentwicklung zu gewährleisten. Also waren verschiedenste Übungen mit Selbsterfahrungscharakter ein wichtiger Bestandteil der Kurse.

Außerdem wurden Themen wie beispielsweise Angst, Vertrauen, Grenzen setzen. Körpersprache, Gewalt, sexueller Missbrauch. Umgang mit und Verhalten in Gefahren- und Konfliktsituationen behandelt.

Die beiden Kurse waren jeweils auf zehn Treffen mit jeweils 2 Zeitstunden angelegt und jede Einheit hatte einen Themenschwerpunkt. Alle Themen wurden mit unterschiedlichen Methoden (Bilder, Geschichten. Fantasiereisen ...), Spielen (auch Rollenspiele) und Medien (Filme, Musik ...) eingeleitet und bearbeitet. Der Spiel- und Erlebnischarakter, d. h., die emotionale und gruppendynamische Ebenen standen hierbei vorwiegend im Vordergrund.

Trotzdem wurden auch die kognitiven Fähigkeiten gefördert, da alle Themen schriftlich, in Form einer umfassenden Loseblattsammlung ausgegeben wurden und in einem kleinen Test am Ende des Kurses eine Lernzielkontrolle zur Vertiefung durchgeführt wurde. Dieser Ablauf wurde natürlich ohne Leistungsdruck und Notengebung durchgeführt, um die wichtigsten Lernziele des Gesamtkurses nochmal wiederholt zu haben und auch ein explizites Lernen zu ermöglichen.

Aber nicht immer kann man allen Aggressionen ausweichen, weshalb außer der Selbstbehauptung (Gefahren- und Konflikterkennung und -Vermeidung) natürlich auch praktische Selbstverteidigungsübungen auf dem Programm standen. Dies ist von Bedeutung, um auch körperlichen Angriffen richtig begegnen und solcherart Gefahren überwinden zu können.

Natürlich ist die körperliche Verteidigung nur als letztes Mittel um Konflikte kurzfristig zu lösen, bzw. die eigene körperliche Unversehrtheit behalten zu können (Notwehr), wünschenswert und ertaubt, was selbstverständlich auch Thema des Kurses war.

Dieses Techniktraining war hier vor allem Mittel zum Zweck, d. h., um die eigene Körperaprache und Selbstsicherheit zu fördern und damit aus der Opferrolle zu schlüpfen. Denn. wer selbstsicher auftritt, braucht in der Regel keine Gewalt zur Konfliktbewältigung und wird nicht als potenzielles Opfer ausgesucht.

Das Selbstvertrauen wird eben durch die körperlichen Übungen mit und ohne Partner/-in gestärkt, d. h. das Vertrauen und das erweiterte Wissen um die eigenen praktischen Fähigkeiten erhöht letztlich die Selbstsicherheit und fördert eine positive Einstellung zur eigenen Körperlichkeit.

Außerdem wurden verschiedene Arten von Entspannungs- und Konzentrationsübungen zum Stressabbau und kognitiven Vorbereitung auf Strcsssituationen meist am Ende der Einheiten durchgeführt, um die innere Ruhe und den Selbstwert auch über positive Imaginationen zu fördern und einen harmonischen Ausklang der Lerneinheiten zu gewährleisten.

Bei der Rückmeldung der Gruppen fanden so gut wie alle die Kursinhalte und den Kurs toll. vor allem die Spiele und Selbstverteidigungsübungen. Die meisten konnten oder wollten nicht differenzieren und gaben an, alles schön gefunden zu haben. Ein High-light waren natürlich auch die Rollenspiele und die Abschlussvorführung, die auch auf Video festgehalten wurde, worauf dann mit Begeisterung die eigene Leistung bestaunt werden konnte.

Insgesamt kann man ein sehr positives Fazit zum Verlauf der Kinderkurse ziehen und es sind trotz der Kürze der Zeit große Lernfortschritte sichtbar geworden. Vor allem im praktischen und motorischen Bereich wäre eine weitere Vertiefung eventuell in Form eines Aufbaukurses sinnvoll, wonach einige Kinder/Jugendliche auch schon nachgefragt haben. Die Teilnehmer/-innen bekamen eine Abschlussurkunde und eine KIDO-Übungsmappe.

2. Der Informationsabend für die Eltern der teilnehmenden Kinder zum Thema Gewalt/Aggression und entsprechende Fragen zur Erziehung
Am Elterninformationsabend nahm ungefähr die Hälfte der Eltern der teilnehmenden Kinder aus beiden Kursen teil. Sie zeigten sich sehr interessiert, sowohl an den Kursinhalten, als auch an allgemeinen Erziehungsfragen. Außer dem offiziellen Vortrag zum Thema Gewalt/Aggression und der Vorstellung des KIDO Konzepts nutzten die Eltern die Gelegenheit auch allgemeine Fragen zu Ursachen und Umgang mit aggressiven Verhalten, Erziehungshaltungen etc. zu stellen. Viele suchten natürlich auch im Anschluss das individuelle Gespräch mit den Kursleitern.

Ebenso wurden auch die Postkarten und Informationsbroschüren, insbesondere die "Rat- und Hilfen-Broschüre der Kampagne Erziehung ausgelegt und vorgestellt.

So dehnte sich der Abend auf gut drei Stunden aus, was den Bedarf und das Interesse der Eltern an dem Thema widerspiegelte.

3. Die Fortbildungen fiir Lehrkräfte zum Umgang mit Aggressionen/Gewalt und Konflikten
An der Fortbildung nahmen 10 weibliche Lehrkräfte teil. Die Seminare erfolgten an zwei Nachmittagen á 3,5 Zeitstunden in der Schule und nach der offiziellen Schulzeit. Außer den Hauptthemen, was ist Aggression/Gewalt, welche Ursachen gibt es, wie zeigen sie sich. wie kann ich ihnen begegnen ...?, wurden verschiedene Fallbeispiele eingebracht und auch praktische Übungen mit Selbsterfahrungscharakter durchgeführt. Dabei wurden unterschiedliche Haltungen bezüglich Gewalt und Erziehung deutlich. Ein großes Interesse bestand noch an dem Thema Umgang mit eskalierenden Konflikten bzw. Deeskalationsstrategien. Dies wurde im zweiten Seminar als Hauptthema behandelt. Durch die Mischung aus Theorie und Praxis ergaben sich hierbei viele Denkanstöße und rege Diskussionen über angemessenes pädagogisches Verhalten.

Insgesamt wurden die Fortbildungen in der Feedbackrunde sehr positiv bewertet, aber auch das Interesse an einer Fortführung und Vertiefung geäußert.

Fazit:
In der Nachbesprechung wurde deutlich, dass die Idee, Eltern, Lehrkräfte und Kinder in einem Projekt zu erreichen, ein vielversprechender ganzheitlicher Ansatz ist, um alle am Schulprozess Beteiligten in die Thematik Gewaltprävention aktiv mit einzubeziehen. Zukünftig soll der Austausch mit den Lehrkräften und Eltern der teilnehmenden Schüler/-innen noch intensiviert werden, um die Themen und Inhalte der Kurselemente noch mehr pädagogisch zu vernetzen. Aufgrund der positiven Rückmeldungen sollte das Projekt erneut durchgeführt werden, eventuell mit einer Ausweitung der zeitlichen Gewichtung einzelner Aktionsfelder. Hauptproblem wird hierbei wieder die Finanzierung sein, Die Schule ist auf der Suche nach Sponsoren Zuletzt sei gesagt, dass die Zusammenarbeit und der Informationsfluss der Organisatoren und durchführenden Organe sehr positiv verlief, was für das Gelingen des Projekts sehr wichtig war.

Obgleich das Projekt auf die Besonderheiten der Sprachheilschüler/-innen abgestimmt wurde, kann es aber grundsätzlich auf andere Schulen übertragen werden. Daher wurde es ebenfalls in die Kompetenzbörse (s.u.) aufgenommen. Als schwierig erweist sich die Finanzierung, da die Kursleiter von KIDO auf Honorarbasis arbeiten und die mögliche Eigenbeteiligung je nach finanziellem Hintergrund der Familien variiert.

Die Vorstellung des Projektes auf der Abschlusstagung der Kampagne Erziehung stieß auf große Beachtung.

 
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