Fachartikel
 

Aus:
Bernd Kammerer (Hrsg.)
Die Kampagne Erziehung - Ein Modellprojekt
2004
S. 177-179

Fortbildung zum Thema Gewalt

Die Ausgangslage beschreibt Marga Schmidt, die stellvertretende Schulleiterin des Förderzentrums Merianschule. Förderschwerpunkt die geistige Entwicklung. wie folgt:

An unserer Schule zur individuellen Lebensbewältigung werden mehrheitlich geistig behinderte Kinder und Jugendliche im Alter von 6-20 Jahren unterrichtet. Die meisten besuchen die angegliederte Tagesstätte. Manche unserer Schüler/-innen haben kaum Kontakte außerhalb von Familie und Schule, andere stammen aus schwierigen Elternhäusern, wieder andere ahmen stark nach, ohne das Nachgeahmte in seiner Wirkung bewerten zu können. Daraus ergibt sich oft ein sehr spezielles Konfliktpotenzial, dem unsere Einrichtung sehr individuell begegnen muss. Unterschiedliche Reaktionen auf gezeigtes Verhalten erhöhen die Unsicherheit bei den Schüler/-innen. Die Schule beschäftigt sich inhaltlich stark mit dem Thema Gewaltprävention. So wurden unter anderem bereits Kurse zu Selbstsicherheit und Selbstbehauptung durchgeführt. Für Mädchen durch Aura (Selbstverteidigung nur für Mädchen) und für Jungs durch KIDO.

Als weiterer Baustein im Rahmen von Gewaltprävention an der Merianschule bot sich eine Fortbildungsveranstaltung geradezu an.

Durch die Kooperation mit dem Förderzentrum Merianschule, Förderschwerpunkt geistige Entwicklung und der angegliederten Tagesstätte, Jugendamt - Ambulante Gruppenpädagogische Hilfen (Gewaltprävention) und KIDO konnte eine Fortbildung für Lehrkräfte und Mitarbeiter/-innen der Tagesstätte geplant und durchgeführt werden. Das wesentliche Qualitätsmerkmal dieses Projektes war also die Einbeziehung der unterschiedlichen Professionen. Hierzu zählen: Lehrkräfte, Pflegekräfte. Religionslehrer, Mitarbeiter/-innen aus der Tagesstätte, Heilerziehungspfleger/-innen und auch Zivildienstleistende.

Folgende Ziele wurden im Arbeitskreis, bestehend aus der stellvertretenden Schulleiterin, einer Vertreterin der Tagesstätte und KIDO benannt: Abstimmung der Interventionen, Aufbau eines gemeinsamen Regelwerkes, Verbesserung der Kommunikation, Reflexion der eigenen Haltung und Verhaltens zum Thema Gewalt und Entwicklung von gemeinsamen Lösungswegen für einzelne Schüler/-innen.

Die Durchführung erfolgte durch die KIDO-Trainer, die die Schule aufgrund der Schüler/-innenkurse bereits kannten.
Das erstellte Fortbildungskonzept von Anke Werpel und Jürgen Berg (KIDO) ist nachfolgend aufgeführt:

KIDO-Fortbildungsseminar
für Lehrkräfte und Mitarbeiter/-innender Tagesstätte
Gewaltprävention an der Merianschule

Inhalte:

  • Definitionen, Ursachen, Formen von Aggression/Gewalt
  • Schulung der Körpersprache und Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungsstrategien in Theorie und Praxis
  • Bedeutung eigener und fremder Grenzen und des persönlichen Auftretens im Arbeitsalltag
  • Bedeutung von pädagogischen Haltungen und inneren Einstellungen zur Konfliktbewältigung und rechtliche Grundlagen beim pädagogischen Handeln
  • Prozesshaftigkeit von Konflikten, Konflikttheorien, u. a. Austausch über systemisch-strukturelle Unterschiede zwischen Schule und Tagesstätte (verbindliche, gemeinsame Regeln? ...)
  • Methodische Ideen und Handlungsmöglichkeiten in Konfliktsituationen (u. a. Deeskalationsstrategien. Konfliktphasen und Verhaltensmöglichkeiten ...)
  • Körperarbeit und Methodenlehre u. a. Entspannnngsverfahren für Kinder und Jugendliche zum Aggressionsabbau.

Methodik und Ziele:

  • Die Inhalte werden über Einzel- und Gruppenarbeit sowie über theoretische Inputs der Seminarleitung vermittelt. Die Methodik richtet sich nach dem ganzheitlichen KIDO-Konzept, d. h., alle Themen werden theoretisch und praktisch beleuchtet.
  • Das Ziel ist, den Teilnehmer und die Teilnehmerin in ihrer Position und Rolle in der pädagogischen Arbeit als Person zu stärken, und Handlungsmöglichkeiten in Konfliktsituationen mit gewaltbereiten Kindern und Jugendlichen zu erarbeiten sowie gewaltpräventive Methoden für die pädagogische Arbeit zur Konfliktvermeidung aufzuzeigen. Dabei sollen auch neue Methoden zum praktischen Einsatz in der Arbeit mit Gruppen kennen gelernt und erlebt werden.

Anforderungen an die Teilnehmer und Teilnehmerinnen:

Die Maßnahme richtet sich an alle Mitarbeiter/-innen der Merianschule und der angeschlossenen Tagesstätte, die die Bereitschaft haben, sich aufgruppendynamische Prozesse und Methoden einzulassen, welche auch dem Ziel der Eigenreflexion und Selbsterfahrung dienen. Die Fortbildung hatte zunächst einen zeitlichen Umfang von vier Tagen und fand im Zeitraum Oktober bis Dezember 2003 statt. Nach der Auswertung formulierten die Teilnehmenden einen dringenden Bedarf nach einem Aufbautag. Dies konnte Anfang 2004 verwirklicht werden. Teilgenommen haben sieben Lehrkräfte und sieben Mitarbeiter/innen aus der Tagesstätte.

Evaluation:
Die Fortbildung wurde mit der Note 1.6 bewertet. Die Wichtigkeit eines aufeinander abgestimmten Vorgehens wurde erkannt. Zwischen und nach der Fortbildung wurde z. B. der Übergabemodus von Schule zur Tagesstätte verbessert, gemeinsame themenspezifische Teamsitzungen eingeführt und auch der informelle Austausch untereinander erhöht. Wichtig und hilfreich beurteilten die Teilnehmenden insbesondere die Fallbesprechungen und die Rollenspiele sowie die Reflexion des eigenen Handelns. Das Ziel, die Kooperation zwischen Schule und Tagesstätte, insbesondere unter dem Fokus der Gewaltprävention zu verbessern, gelang.

 

 
zurück
weiter