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3. Das Medium Karate-Do

3.1 Definition von Karate-Do

Karate ist ein aus Japan kommendes Kampf- und Selbstverteidigungssystem, in dem man sich mittels Schlägen, Tritten, Würfen und Hebeln gegen Angriffe verteidigen lernt. Karate-Do bezeichnet den geistigen Weg, durch den man über körperliche Übung, alleine und mit Übungspartnern, sich selbst kennenlernt und erzieht. Innere Zufriedenheit und körperliche Fitness sind zwei wichtige Erziehungsziele. Das Ideal ist das Erreichen menschlicher Vollkommenheit die sich im Wesen und Lebenswandel des Menschen zeigen soll.

"Kara" bedeutet "leer", "te" bedeutet "Hand"; "Do" bedeutet "Weg". Karate-Do ist also "Der Weg der leeren Hand", wobei "leer" sowohl im Sinne von unbewaffnet, als auch als höchstes geistig-göttliches Prinzip verstanden wird. Im Karate-Do gibt es viele verschiedene Stile, die Hauptelemente für das Karate-Do-Projekt gehen zurück auf den Stil des "Wado-Ryu".

"Wa" bedeutet "Harmonie", "Friede"; "do" bedeutet "Weg"; "ryu" bedeutet "Schule". "Wado-Ryu" bezeichnet also "Die Schule des Weges zum (inneren und äußeren) Frieden".

3.2 Geschichtlicher und philosophisch-religiöser Hintergrund

Die Wurzeln der ostasiatischen Kampfkünste und deren Philosophien sind in Indien und China zu finden. Vor allem der Yoga, eine Schulung des Geistes über verschiedene Körperhaltungen und Atemtechniken, welche heute u. a. noch in der Gymnastik des Karate-Do zu finden sind und verschiedenste alte Religionen und Lehren in Indien sind die Grundlage für die Entstehung des Buddhismus. Dieser wurde nach der Legende von Bodhidharma dem 28. Patriarchen des Buddhismus nach China getragen, wo sich im legendären Shaolinkloster durch ihn der Chan-Buddhismus herausbildete (um 523 nach Chr.). Jedenfalls nahmen sowohl der Taoismus und der Konfuzianismus starken Einfluß auf die Philosophie der Kampfkünste, die sich zuerst in China zur Blüte entwickelten, nämlich als geistiger Schulungsweg und nicht nur als Kriegshandwerk wie in Japan der Bujutsu (=Technik des Kriegers) mit dem dazugehörigen Ehrenkodex, dem Bushido(=Weg des Kriegers).

Der nach Japan kommende Zen (chin.Chan)-Buddhismus und andere chinesische Einflüsse, der Bushido, sowie die vorherrschende Naturreligion des Shintoismus beeinflußten sich in Japan und dem ehemals selbständigen Okinawa, wo das Karate-Do seine Wurzeln hat, unterschiedlich stark und brachten verschiedene Kampfkünste und -stile mit unterschiedlichen Lehrmethoden und Schwerpunkten hervor, die heute alle unter dem Begriff Budo zusammengefasst werden. Hierzu gehören unter anderem die bekannten Kampfkünste Aikido, Judo und eben das Karate-Do. Der Begriff Karate-Do wurde erst im 20. Jahrhundert von Gichin Funakoshi eingeführt und auch die teilweise militärisch anmutende Disziplin und Gruppenpädagogik ist eine moderne nicht nur japanische Komponente (eine ähnliche Entwicklung fand in Korea mit der Kampfkunst Teak-won-Do statt), um Kampfsport beim Militär, an Schulen und Universitäten zur pädagogischen Schulung von vielen Rekruten und Schülern zu nutzen. Daneben existieren aber viele traditionelle "Ryu´s" (Kampfkunstschulen), wo ein Meister nur ganz wenige Schüler in seiner Kunst unterweist und der eigentliche Budo-Gedanke des inneren Friedens und der persönlichen Reifung über ein enges Lehrer-Schüler-Verhältnis weiterlebt.

Die Verbreitung der Kampfkünste vor allem nach dem zweiten Weltkrieg erfolgte hauptsächlich über die USA und Hawaii, bis Karate-Do über Frankreich erstmals in den 50iger Jahren in Deutschland praktiziert wurde. Der neue westliche Einfluß versportlichte die Urideen mehr und mehr und es wurde und wird vor allem der Wettkampf und das Gewinnen und Verlieren in den Mittelpunkt gestellt, sowohl in Japan, als auch in der westlichen Welt. Trotz der steigenden Kommerzialisierung und damit einhergehenden diversen Kampfsportfilmen schlechtester Machart und dem Hauptaugenmerk auf den Wettkampfaspekt, wird sich in letzter Zeit auch in Deutschland mehr auf die alten Werte und den eigentlichen Zweck der Übung rückbesonnen und es entstehen vermehrt traditionelle Schulen, die den Wettkampfgedanken ablehnen oder als spielerische, mehr körperorientierte Phase auf der langjährigen Entwicklung eines Karateka integrieren.

Karate-Do als Medium in pädagogischen Handlungsfeldern muß immer den noch näher zu erläuternden traditionellen Hintergrund favorisieren, um außer den rein sportpädagogischen Aspekten, möglichst großen Einfluß auf die Internalisierung und Entwicklung von Normen und Werten bezüglich des Sozialverhaltens zu legen.

3.2.1 Die Integration östlicher Werte in eine abendländische Kulturlandschaft

Die Integration dieser ostasiatischen Werte und Methoden in ein christlich geprägtes abendländisches Umfeld ist aufgrund der allgemein anerkannten Ziele, wie Mitmenschlichkeit, Höflichkeit, Friedfertigkeit, innere Zufriedenheit, Bescheidenheit usw., nicht schwierig. Die praktische Umsetzung der Übungen ist völlig ideologiefrei und kann mit jedem religiösen und gesellschaftlichen Hintergrund verbunden werden. Viele Werte haben sich auch aus dem Klosterleben und Einsiedlererfahrungen bestimmter Lehrer entwickelt und hier gibt es durchaus parallelen im geschichtlichen Hintergrund und mittlerweile Austausch zwischen West und Ost. Vor allem die praktischen, körperlichen Konzentrations- und Meditationsübungen des Ostens, können die westliche meist kopf- und bücherlastige Lehre nur bereichern. Läßt man den religiösen und spirituellen Nutzen vor allem des momentan im Trend liegenden Buddhismus außer acht, sind die Konzentrations- und Meditationsübungen zur Entwicklung innerer Ruhe und Ausgeglichenheit, zur Entwicklung von Disziplin und Willenskraft, zum Bewußtmachen innerer Vorgänge, von Gefühlen und Gedanken eine Bereicherung im pädagogischen Handeln und ohne weiteres mit christlichen Werten und Normen zu verbinden.

Deshalb wird der einzelne Stil im Karate-Do immer als fließendes Element betrachtet, welches sich ähnlich wie der Mensch den Verhältnissen anpaßt und sich von Generation zu Generation weiterentwickelt und verändert. So entwickelt das westliche Karate-Do langsam seine eigene Identität und integriert unterschiedliche Strömungen miteinander.

3.3 Der Unterschied zwischen Sport und Karate als Übungsweg

Der Sport hat sich vom geschichtlichen Hintergrund als angenehme Ablenkung und Zerstreuung mit körperlichen Tätigkeiten für den normannisch-englischen Adel (Reiten, Jagen usw.), vor allem auch um Wetten abzuschließen und eben Gewinner und Verlierer zu ermitteln, entwickelt. Das Wort Sport wurde ab 1800 offiziell für die zur Zerstreuung in der Freizeit betriebenen Leibesübungen mit Wettkampfcharakter (Leichtathlethik, Rudern usw.) an den englischen Colleges benutzt und umfaßt mittlerweile als Begriff eine Unmenge von Tätigkeiten mit Spiel- und Wettkampfcharakter, oft mit dem Sinn Rekorde und Höchstleistungen aufzustellen1.

Ebenso impliziert der Begriff Kampfsport diese Art der Freizeitgestaltung und muß deshalb von dem Begriff Kampfkunst oder Karate-Do als Übungsweg abgegrenzt werden. Bei Karate als Übungsweg ist der Hintergrund gerade das Gegenteil von Zerstreuung, denn die Sammlung und Konzentration ist Sinn und Zweck der Übung. Hier geht es auch nie um Gewinnen und Verlieren, sondern um die Fortentwicklung sowohl der geistigen, charakterlichen, als auch körperlichen Anlagen, je nach Entwicklungsstand und Konstitution des Individuums.

Es geht nicht um Höchstleistungen und eigentlich auch nicht um das körperliche Ergebnis der Übung, sondern der Effekt zeigt sich in der Übung selbst, nach dem Leitsatz: "Der Weg ist das Ziel". Dies ist ein wichtiger Unterschied zu rein sportlichen Aktivitäten. So ist die Idee des Karate-Do nicht auf die Trainingsstunde begrenzt, sondern der Trainingsort ist überall, z. B. bei der Umsetzung von Werten wie Höflichkeit, Gewaltfreiheit, Hilfsbereitschaft sind die Trainingsstunden letztendlich nur intensive Übungsphasen für den Alltag.

Der erzieherische Nutzen von sportpädagogischen Ansätzen ist unbestritten und ist teilweise deckungsgleich mit Zielen des Karate-Do. Der Hauptunterschied liegt vor allem im grundsätzlichen Ansatz, da beim Karate-Do die geistige und körperliche Entwicklung der Übenden im Mittelpunkt steht und nicht die sportliche Leistung oder der Wettkampf.

Die Übung zeigt sich vor allem in den eigenen möglichst sichtbaren moralisch-ethischen Grundsätzen, dem Fleiß und der Disziplin beim Üben und Umsetzen der Ziele, sowie im Ausdruck der Form, die sowohl die Verhaltens-Etikette wie auch die körperliche Umsetzung der Übung umfaßt. Die Form drückt sich hier vor allem in dem Zusammenspiel von Körper "Tai" (Bewegung, Haltung), Geist "Shin" (Konzentration) und Technik "Waza" aus. Man geht davon aus, daß die Körperhaltung und Bewegung den Geist beeinflußt und ebenso umgekehrt der Geist die Haltung. Schaut man moderne Theorien zur Körpersprache an, sind hier wieder deutliche parallelen ersichtlich, denn die innere Haltung drückt sich eindeutig auch in der äußeren Haltung und Körpersprache ab.

3.4 Spielpädagogik und Karate-Do

Spielpädagogik ist ein wichtiger Bereich, auch beim Umsetzen von Karate-Do-Projekten mit Kindern und Jugendlichen. So muß der strenge Aufbau der traditionellen Trainingseinheiten, gerade auch bei schwierigen Kindern mit pädagogisch sinnvollen Spielen aufgelockert werden, da der Konzentrationsbogen meist nicht sehr lange aufrecht erhalten werden kann und eine aktive körperliche und geistige Pause nötig ist.

Doch Karate-Do und Spielpädagogik hat noch mehr Gemeinsamkeiten. So wird in einem "Dojo" trainiert, was übersetzt auch bedeutet "Der Raum der Wegübung". Es ist ein Raum, in dem bestimmte Regeln gelten und über bestimmte Übungen und Interaktion mit sich und Übungspartnern Verhalten eingeübt wird, welches auch im Alltag umgesetzt werden soll.

Eine pädagogische Definition für Spiel lautet frei nach BAER2 folgendermaßen:

"Spielen ist eine aktive, freiwillige Handlung die Spaß macht. Die Spieler nehmen ihre realen Fähigkeiten mit in das Spiel und erschaffen eine zweite Wirklichkeit, eine Spielwelt in der besondere variierbare Regeln und Grenzen gelten in der sie geistig, körperlich und gefühlsmäßig beansprucht werden.
Beim Spielen wird innerhalb eines Schonraumes gelernt, erlebt und Verhalten eingeübt und verstärkt, dabei werden Teile des Erlebten als Lernerfahrungen wieder in die Realität übertragen.
Bei Kindern gibt es keine Trennung zwischen Spiel, Arbeit und Lernen. Die wichtigsten Lernprozesse finden im Spiel statt".

Diese Definition von Spiel als Mittel zur Erziehung ist durchaus auch als pädagogische Definition für Karate-Do als Medium in der Jugendarbeit übertragbar. Die Kinder und Jugendlichen üben in einem Schonraum mit bestimmten Regeln Verhalten ein und sollen Werte internalisieren, um Fortschritte im sozialen Umgang und mit sich selbst im Alltag zu erzielen. Aufgrund Ihres oft retardierten Entwicklungsstandes, aber auch der hohen Anforderungen an Konzentration, Disziplin und Verhalten gibt es für sie dabei keinen Unterschied zwischen Spiel, Arbeit und Lernen.

3.5 Erlebnispädagogik und Karate-Do

Ähnliche Gemeinsamkeiten wie zur allgemeinen Spielpädagogik, sind auch zur Erlebnispädagogik nach HAHN festzustellen:

"Das Lernen mit Kopf, Herz und Hand...", erfaßt wie das Karate-Do, den Mensch in seiner Ganzheitlichkeit und propagiert ein Lernen über dem gesamten Körper mit allen Sinnen zum Zwecke der charakterlichen Reifung. Im Tun und Erleben liegt der Schwerpunkt dieser Methode.

Das körperliche Erfahrungen, geistige Prozesse in Gang setzen und das Lernen erleichtern ist auch dem Karate-Do eigen. So wird traditionell das Training nicht nur im Dojo abgehalten, sondern oft auch im Freien wo alle Elemente der Natur mit einbezogen werden. Ein Beispiel ist die Übung unter Wasserfällen, an Bäumen, im Schnee usw.

Deshalb trainieren wir auch regelmäßig im Freien, um neue sensitive Erfahrungen zu machen und die Natur in den Lernprozeß hautnah mit einzubeziehen. Mittlerweile machen wir auch zusätzlich zum normalen Training einmal jährlich eine Wochenendfreizeit, bei der außer Karateeinheiten, auch typisch erlebnispädagogische Elemente, wie Wanderungen mit Höhlentouren und ähnliches, durchgeführt werden. Diese Abwechslung dient natürlich auch der Motivation zum Weitermachen und hilft zur Festigung der Gruppenidentität.

3.6 Physische, psychische und soziale Lerninhalte des Karate-Do

3.6.1 Physische Lerninhalte

  • Kinder- und jugendgemäßes Intervalltraining (Grundschule)
  • Kombiniertes Kraft-, Ausdauer-, Beweglichkeits- und Schnelligkeitstraining (Kondition)
  • Schulung der Grob- und Feinmotorik durch Erlernen neuer, einfacher und komplexer Bewegungsabläufe (Koordination)
  • Stärkung der Bänder und Muskulatur sowie der inneren Organe im Wachstum
  • Stärkung des allgemeinen Wohlbefindens und der Gesundheit
  • Verbesserung der Körperwahrnehmung und des Körpergefühls
  • Schulung der Wahrnehmung und der Sinne

3.6.2 Psychische Lerninhalte

  • Erlernen von Meditations- und Konzentrationstechniken im Sitzen, Stehen sowie in der Bewegung (Achtsamkeitstraining)
  • Entspannungstechniken zum Aggressionsabbau und Finden innerer Ruhe
  • Bewußtwerdung von Gefühlen (z. B. Angst), Gedanken, Atmung, Körperlichkeit und deren Kontrolle
  • Konzentrationstraining auf bestimmte Gegenstände (innerlicher und äußerlicher Art)
  • Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls, von Selbstvertrauen und Selbst- bewußtsein durch Erfolgserlebnisse
  • Entwicklung von Ausdauer, Willenskraft und Mut durch Verbindlichkeit und
  • Erweiterung eigener Grenzen und Fähigkeiten durch Training

3.6.3 Soziale Lerninhalte

  • Einüben freiwilliger Selbstdisziplin (Grenzen einhalten, Etikette)
  • Steigerung des Durchhaltevermögens und der Geduld
  • Erhöhung der Frustrationstoleranz durch Erfolgserlebnisse
  • Erlernen von Empathie und Fairness im Umgang mit den Trainingspartnern
  • Selbsterfahrung und Verhaltenskontrolle durch intensive Interaktion mit den Trainingspartnern
  • Mehr Sicherheit im sozialen Umgang (Gruppenfähigkeit)
  • Erhöhte Leistungsmotivation aufgrund der Gruppendynamik und Trainingserfolgen
  • Erkennen von Distanzschwellen (Nähe-Distanz-Übungen= "Maai")

3.7 Traditionelle pädagogische Grundlagen und Methoden

3.7.1 Die Entwicklungsstadien auf dem Weg

Man unterscheidet drei Entwicklungsstufen auf dem Weg zur Reife, nämlich die Stufen "Shu", "Ha", "Ri". Diese lassen sich grob in das Lernen der Form (Kindheit und Jugend), das Überschreiten der Form (Mittlere Reife) und Transzendenz (Reife) unterteilen. Dies entspricht auch dem Anfänger, dem Fortgeschrittenen und dem Meister.

"Shu" ist also die Anfängerstufe. Hier wird zuerst vorbehaltlos und offen gelernt, was den Inhalt des jeweiligen Systems ausmacht. Dieser Prozeß dauert immer Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Diese Stufe und die entsprechende Lehrmethode ist also der Bereich, in dem auch ein pädagogisches Angebot in der Jugendhilfe angesiedelt ist und es kann natürlich aufgrund der Kürze der Zeit nur einen Bruchteil der Inhalte eines Systems vermitteln, bzw. als Medium eingesetzt werden. Diese Inhalte auch technischer Art, sind für den pädagogischen Nutzen sowieso eher zweitrangig, da vor allem die Art und Weise, der Rahmen und die grundlegenden Werte des Trainings hier von Bedeutung sind.

Trotzdem möchte ich der Vollständigkeit halber noch die beiden weiteren Stufen auf dem Lebensweg erklären. Die Stufe "Ha" setzt nun die Beherrschung der Technik und des gesamten Systems voraus. In dieser zweiten Phase werden nun die Lerninhalte und Techniken hinterfragt und letztlich verstanden. Die persönliche Auseinandersetzung und eigene Interpretation der Techniken führt zur Weiterentwicklung der eigenen Fähigkeiten und letztlich der Persönlichkeit. Man findet im Dojo, wie im Leben seinen eigenen Stil und Weg.

Nach dieser für das praktische Leben sehr wichtigen Entwicklung, folgt nach der Meisterung der Technik und der Form, die letzte Stufe und schließlich das Ziel der Übung. Das höchste Ziel ist hierbei das Erleben von "Satori" (Erleuchtung), das Lösen von der Form und das Aufgehen im Ganzen. Christlich gesprochen, das Erleben des göttlichen Funkens in uns, mit dem Ergebnis spiritueller Reife, also dem Erreichen inneren und äußeren Friedens (Wado).

3.7.2 Das Lehrer-Schüler Verhältnis

"Shitei" bezeichnet die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Die Qualität dieser Beziehung ist sehr ausschlaggebend für die Lernergebnisse der Schüler. Hierbei ist natürlich auch die Vorbildwirkung und die natürliche Autorität des Lehrers von großer Bedeutung für die Anerkennung und dem Respekt der Schüler gegenüber dem Lehrenden. Dies läßt sich nahtlos auf die Stellung des Pädagogen zu seinen zu betreuenden Kindern und Jugendlichen übertragen. Auch hier entscheidet vor allem die Qualität der Beziehung über größere Erfolge in der pädagogischen Intervention - ein gelungener Beziehungsaufbau ist letztlich Grundvoraussetzung für erfolgreiche Pädagogik.

Im Rahmen des Karate-Do ist es für den Lehrer leichter sein eindeutiges mehr an Wissen zu demonstrieren. Der technische Vorsprung durch jahrelanges Training ist für die Schüler nicht zu übersehen und kann auch im Partnertraining gut demonstriert werden. Deshalb wird die Autorität des Trainers bezüglich des technischen Wissens meist sofort anerkannt, was den Einstieg in ein tieferes Lehrer-Schüler-Verhältnis und die Übernahme von neuen Werten und Verhaltensweisen erleichtert. Die Glaubhaftigkeit des Lehrers oder wie in pädagogischen Lehrbüchern oft gefordert, die Echtheit und Authenzität des Lehrers ist hier sehr wichtig. Der Lehrer ist dabei auch immer noch Schüler und er sollte ebenso Respekt und Eifer an den Tag legen wie er es von den Kindern und Jugendlichen erwartet. Diese natürliche Hierachie hilft den Jugendlichen ihren Platz in der Gruppe zu finden und auch Autoritäten anzuerkennen, ohne ihr Gesicht zu verlieren.

3.7.2.1 Das Lehrgespräch

Ein wichtiges Instrument im Lehrer-Schüler-Verhältnis ist "Mondo", das Lehrgespräch. Hier werden bestimmte Themen während oder nach der Trainingsstunde besprochen oder Fragen zu technischen Problemen beantwortet. Themen wie Hintergrund und Philosophie der Kampfkünste, Sinn und Zweck der Etikette sind ebenso Inhalt, wie Entstehung und Umgang mit Angst und Aggression oder Selbstbeherrschung und Friedfertigkeit und viele andere Themen im Umgang mit sich selbst und anderen. Von großer Bedeutung ist dabei die Vermittlung von Grundwerten, wie Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, Respekt und Fairness in der Gruppe, wie im Alltag. Diese Gespräche, einzeln und in der Gruppe, unterstützen die Bildung eines Vertrauensverhältnisses vom Schüler zum Lehrer, ohne die Autorität und Vorbildwirkung des Lehrers aufzuheben.

3.7.3 Die Dojokun - das Regelwerk des Karate-Do

Das Regelwerk des Karate-Do und die dahinterstehenden Werte wurden erstmals von Meister Sakugawa aus Okinawa in der heutigen Form verfaßt. Der Ursprung soll hier wieder in China, nämlich im Shaolin-Kloster und im japanischen Ehrenkodex der Krieger, dem Bushido liegen. Man kann hier unterscheiden in die großen Leitsätze und die davon abgeleiteten Leitziele bestimmter Lehrer, mit unterschiedlicher Gewichtung, sowie die Verhaltensetikette und Regeln die den praktischen Ablauf des Trainings bestimmen.

Die großen Leitziele nach Sakugawa sind hierbei:

  1. Das eigene Verhältnis zu sich selbst
  2. Das eigene Verhältnis zur Welt
  3. Wege des rechten Strebens
  4. Die Verhaltensetikette
  5. Gewaltloses Handeln3

Aus diesen ursprünglichen mehr allgemeinen Leitsätzen hat zum Beispiel Meister Okazaki Teruyuki fünf Hauptziele (Kaisetsu) abgeleitet:

  1. Vervollkommne Deinen Charakter
  2. Bewahre den Weg der Aufrichtigkeit
  3. Entfalte den Geist der Bemühung
  4. Sei höflich
  5. Bewahre Dich vor übertriebener Leidenschaft

Vergleicht man nun die Kaisetsu mit den Leitzielen, kann man feststellen, das Teruyuki immer einen Aspekt der allgemeinen Leitziele hervorhebt und konkretisiert. So gibt es unterschiedlichste Dojokun´s, aber alle auf gleicher Grundlage. Besonders das vierte Leitziel, die Verhaltensetikette, ist stets von Höflichkeit und Ritualen im gemeinsamen Umgang geprägt und regelt gleichzeitig ganz praktisch den Trainingsablauf. Diese Verhaltensetikette ist auch das wichtigste Instrument im pädagogischen Einsatz eines Kampfkunstkonzepts. Nur wer diesen Rahmen mit seinen Werten und Regeln anerkennt, darf das Karate-Do-Training besuchen. Dies wird auch verbindlich mit einem Teilnehmervertrag geregelt. Gerade das Anerkennen und Einhalten von Regeln ist für schwererziehbare Kinder und Jugendliche ein wichtiges Lernziel, wo auch hohe Anforderungen an Disziplin und Selbstdisziplin gestellt werden. Da der für alle einsehbare Hintergrund des Regelwerks die sichere, angstfreie und reibungslose Durchführung des Trainings mit möglichst großen Lernerfolg für alle Beteiligten ist, fällt es leichter Werte und Normen zu übernehmen und später zu verinnerlichen, was ein gutes Training im Umgang mit alltäglichen Regeln und Normen darstellt.

Zum besseren Verständnis folgt die vereinfachte Dojokun, die im PTI beim Karate-Do-Projekt ausgegeben und angewendet wird.

Dies gibt einen Einblick in die wichtigsten Regeln, die beim Trainingsablauf gelten. Natürlich gibt es noch mehr kleinere Regeln, die schon vor dem Betreten des Dojo von Bedeutung sind, zum Beispiel, daß man seine Kleider und Schuhe ordentlich hinstellt, daß der Raum barfuß betreten wird usw. Es folgt auch ein Begrüßungs- und Verabschiedungsritual, sowie Verbeugungen und Rituale vor und nach dem Partnertraining. Diese Regeln bekommen die Schüler mündlich, aber auch in Form einer Lose-Blatt-Sammlung mit den allgemeinen Technikbeschreibungen ausgehändigt.

Für die Arbeit mit schwierigen, teilweise grenzenlosen und chaotischen Kindern, ist dieser klar strukturierte Ablauf sehr hilfreich und gibt schnell Sicherheit und Vertrautheit bei der praktischen Umsetzung. Japanische Ausdrücke, also ein eigener Sprachcode für bestimmte Anweisungen, machen das Training noch interessanter und tragen zur Motivation und Gruppenbildung bei, da nur "Insider" die Bedeutung der Sprache kennen.

3.7.4 Aufbau einer Trainingsstunde

Der Vollständigkeit wegen ist hier noch exemplarisch die typische Struktur und der Aufbau einer Trainingsstunde aufgeführt:

  • Gemeinsames Reinigen des Dojos
  • Begrüßungsritual
  • Lehrgespräch (Mondo)
  • Aufwärmen, Gymnastik, Spiele
  • Grundschule (Kihon)
  • Erlernen einer Form (Kata)
  • Aufteilung zum speziellen Einzeltraining
  • Gemeinsame Meditationsübung in der Bewegung (Qi-Gong=Atemkata)
  • Partnertraining (Kumite)
  • Abwärmen, Gymnastik, Krafttraining, Spiele
  • Lehrgespräch (Mondo)
  • Verabschiedungsritual und Abschlußmeditation
  • Aufräumen und Reinigen des Dojos

1  Lingenlexikon. Köln, Bd. 17, S. 204

2 (in: Spielpraxis, 1995)

3 (Lind, Werner: Budo - der geistige Weg der Kampfkünste, München, 1992, S. 175ff.)

 
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